Das perfekte Kaufhaus

Wir schreiben das Jahr 2022. Gerade erst sind die AKW- Laufzeiten erneut verlängert worden, der technische Fortschritt erscheint unaufhaltsam und Lüneburg hat es endlich geschafft. Vom europäischen Städterat bekommt die sympathische Hansestadt erstmals in ihrer knapp 900 jährigen Geschichte das Siegel: “PERFEKT.“ In der Tat, das Prädikat scheint verdient, betrachtet man die Stadt näher.

Die Fassaden aller Verkaufsläden bilden eine geschlossene, durchgehende Einheit. Die selben Farben, die selben Materialien, die selben Angebote. Einheit und Gleichheit lautet das Konzept der Stadtväter. Die Armut der Jahre zu Beginn der Jahrtausendwende ist besiegt. Zumindest in Lüneburg, hier gibt es keine Armen mehr, sie wurden schon vor Jahre aus der Stadt vertrieben. An ihre Stelle trat stattdessen ein junger, dynamischer und aufstrebender Mittelstand. Die Straßen sind gefüllt mit vornehm gekleideten Geschäftsleuten, die Luft ist geschwängert von edlem Rasierwasser. Alles ist sauber und hygienisch – ja man könnte sich sogar auf den Boden setzen, wäre es nicht von der Stadtverwaltung schon vor Jahren untersagt worden. Aber wozu auch Boden? In den Cafés der Stadt herrscht vornehme Ausstattung. Glas, Stahl und Fliesen dominieren das Bild.

Kulturelle Vielfalt

Ja, auch das haben wir in Lüneburg. Kultur, soviel unser Herz begehrt. Regelmäßig am Freitag Vormittag hält der ewige OB Mädge eine Ansprache, in welcher er seine Ziele und Vorstellungen zur Zukunft der Stadt bekannt gibt. Die Rede wird über den NDR gesendet, bleibt jedoch regional begrenzt. Auch andere Städte haben Bürgermeister, die für die kulturelle Informierung ihrer Bürger zuständig sind.

Ebenfalls ein großer Wurf der kulturellen Zeitgeschichte – Die Werbung. Kaum zu glauben, mit welcher Vielfalt und Kreativität die Werbebotschaften kreiert und an die Menschen weitergetragen werden können. Alles sieht so vornehm aus, wirklich sehr schön. Hatte die Stadt früher eine ganzer Reihe von Kaufhäusern, so ist sie nun selbst eines geworden. Ein innovatives Stadtplanungsprojekt hat dies in jahrzehntelangem Streben endlich verwirklicht, den bargeldlosen Zahlungsverkehr.

Eine ausgesprochen praktische Sache. Musste man früher noch zur Bank oder umständlich Münzen aus der Tasche kramen, so genügt es heute völlig, ein kleines Plastikkärtchen im Scheckkartenformat durch den Erkennungsschlitz des Bezahlautomaten zu ziehen. Wo Automaten dies übernehmen, bedarf es auch keiner mürrischen Verkäufer mehr. Lüneburg ist vollständig automatisiert. Man braucht nicht weit zu gehen, die Stadt quillt über von einem Warenangebot, dass wirklich keine Wünsche mehr offenlässt. Einfach hingehen, mitnehmen, vorne in das Lesegerät legen und die Karte durch das Lesegerät ziehen – schon fertig. Die Ware gehört jetzt Ihnen, viel Freude damit. Wir wünschen weiterhin einen angenehmen Einkauf in unserer schönen Stadt. Irgendwo in Berlin registriert ein Aufsichtsbeamter für den Einzelhandel, dass Frau W. soeben ihr Deodorant gewechselt hat. Unsere Stadt erlaubt große Vielfalt bei allen Warenangeboten.

Advertisements

4 Antworten zu “Das perfekte Kaufhaus

  1. Pingback: Angriff auf den Kiez | denkbonus

  2. Pingback: Deutsche Städteplanung heute – Das perfekte Kaufhaus « Der Überwachungsbürger

  3. Nicht sehr tiefsinnig, dafür aber eine nette kleine Geschichte über eine denkbare nicht so nette Zukunft.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s