Fromm und Straße

Wer zum erstenmal die Frommestraße besucht, mag über die bunt zusammengewürfelte Fassade staunen, die von neogotischen Spitzbögen bis hin zu gründerzeitlicher Klassizistik reicht. Nachdem gegen Ende des 19. Jahrhunderts nur einen Steinwurf entfernt am Gralswall das Gerichtsgebäude errichtet worden war, hatten sich in der vornehm gelegenen Straße vor allem Anwälte und Richter niedergelassen. Die weißen, reich mit Stuck verzierten Fassaden, unterbrochen von blassgelben Klinkerflächen, zeugen heute noch vom Reichtum der damaligen Bewohner ohne sich optisch zu überwerfen mit den dunkelroten, klassischen Backsteinbauten direkt daneben. Komplettiert wird das malerische Bild durch den kleinen, offen gelegenen Park direkt davor.

Dann geschah, womit die einstigen Investoren nicht gerechnet hatten. Die Frommestraße begann, wie so manch andere Straße in der Stadt, sich abzusenken. Der jahrhunderte lange Abbau des unter der Stadt gelegenen Salzstocks begann auch hier seinen Tribut zu fordern. In nur vierzig Metern Tiefe beginnt er, bevor er sich in Form einer Mohrrübe nach unten hin verjüngt. Eine Quelle einerseits sowie verschiedene Schichtungen aus Anhydrit (Gipskeuper) sorgen durch ihr Zusammentreffen für Verquellungen von bis zu 60 Prozent. Die Erde bewegt sich. Langsam, aber unaufhörlich verschiebt sich der Untergrund, sehr zum Nachteil der Häuser, die darauf stehen. Es bilden sich Risse in den Wänden und sämtliche Häuser stehen mittlerweile so schief, dass alles, was rund ist und zu Boden fällt, von selbst losrollt. Die Häuser, einst in Toplage errichtet, verloren drastisch an Wert. Die Wohnraumspekulanten von damals suchten fluchtartig das Weite, suchten ihr Glück in anderen Stadtteilen. Zurück blieb eine freundlich wirkende, verwaiste Häuserzeile, der man erst bei genauem Hinsehen ihre Senkungsschäden anmerkte.

Nicht lange darauf hatten die Häuser sich wieder gefüllt. Buntes Volk war in den Zwischenzeit nachgesickert. Freaks, Hippies, Peaceniks, kurz alternative Lebensformen hatten ihre Chance erkannt, an den begehrten Wohnraum zu gelangen. 1970 bildete sich im Haus Nr. 5 die erste Kommune, soziokulturelle Diversität brach sich Bahn und besorgte Eltern aus der Nachbarschaft verboten erstmalig ihren Kindern, in der Frommestraße zu spielen. Die Straße, deren Name, wie viele andere Straßen Lüneburgs, einem ehemaligen Bürgermeister entlehnt ist, begann erneut aufzublühen. Einer der Gründe war die Unterteilung der großen Wohnungen in viele kleine Zimmer gegen Ende der 90er Jahre. Die Besitzer erhofften sich so zu recht höhere Mieteinnahmen. Mit der neu eingeführten Wohnwabenkultur zog ein neues Publikum in die alten Häuser ein. Studenten und Leute, denen es nicht so sehr ums Geld ging, gaben sich fortan ihr Stelldichein. Der Lebensraum wurde schnell auf die Straße und den angrenzenden Park ausgedehnt. Kleine Grüppchen alternativer junger Leute saßen mit Stühlen auf der Straße oder direkt im Park gegenüber auf der Wiese, Gitarrenklänge und Gesangsfetzen wehten durch die Luft, begleitet von gelegentlichem Trommeln. Hunde jagten hinter Frisbeescheiben her, Lachen klang durch die Luft, es roch nach Indien und nach Freiraum.

An dem Spekulationscharkter der Straße hat sich seither nicht geändert. Die fantastische Lage, direkt an einem Park und keine zehn Gehminuten vom Rathaus entfernt, weckt Begehrlichkeiten. Zunächst hatte sich Helmut Porth, ein Immobilienmakler aus Lüneburg, die Häuser zum Billigpreis unter den Nagel gerissen. Er drohte darauf sitzen zu bleiben, bis es ihm gelang, den schwarzen Peter einem weiteren Investor zuzuschustern. Jürgen Sallier aus Adendorf ist nun der stolze Besitzer der kleinen Straße und er hat große Ambitionen. Nachdem Japaner die ersten erdbebensicheren Hochhäuser entworfen hatten, will er es nun sein, der als erster senkungssichere Häuser baut. Das Unternehmen ist gewagt. Nachdem er bereits ein einzelnes, alleinstehendes Einfamilienhaus hatte abreißen lassen, war Wasser in die darunterliegenden Anhydritschichten gelangt, die nun ebenfalls kontinuierlich aufquellen und die ständigen Bodenverschiebungen zusätzlich verstärken. Ein weiteres Problem für ihn sind die Bewohner, die in der Straße ein gemeinsames Zuhause gefunden haben, an dem sie sehr hängen. Eine Mieterprofilbereinigung, wie Gentrifizierungsmaßnahmen euphemistisch umschrieben werden, würde den Zusammenhalt der Lebensgemeinschaft, die sich dort gebildet hat, auseinanderreißen. Das lebendige Gemeinschaftsgefühl würde trauriger Vereinzelung weichen, verteilt über die Randgebiete der Stadt. Eine Vorstellung, welche die Bewohner der Straße zu Recht fürchten. Entsprechend groß ist der Widerstand gegen Salliers Spekulationsvorhaben, ein Widerstand, der ihn bisher einiges an Nerven gekostet hat. Einer Hausbesatzung hat er bereits vollständig die Kündigung ausgesprochen, deren Anwälte wiederum selbige für rechtswidrig halten. Das Spiel ist eröffnet. Es lautet Kommerz gegen Kultur, Markt gegen Menschlichkeit. Es steht nichts Geringeres auf dem Spiel, als die Zukunft eines ebenso notwendigen, als auch liebenswerten ‚Soziotops‘, deren Bewohner mittlerweile tief in ihrem Kiezviertel verwurzelt sind.

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