Ich soll weg

Weg aus meiner heimeligen und behaglichen, wenn auch kleinen Wohnung, in der ich mich dennoch glücklich fühle. Platz machen soll ich, für einen Investor, für einen Makler, der mein Zuhause als bloße Rangiermasse betrachtet. Ein Mittel zum Zweck, um den Millionen von Euro auf seinem Konto noch eine weitere halbe hinzuzufügen. Nicht dass ich es ihm nicht gönnen würde. Der Mann muss schließlich auch von etwas leben. Und sei es von den Sorgen und Nöten der Bewohner der Frommestraße.

Dort wo unser kultureller Treff einst stand, prangt heute ein hässliches Loch, aufgeschüttet mit Sand. Böse Zungen munkeln, dort sollen ein gutes Dutzend alter Reifen ihren Weg ins Grab gefunden haben. Ein Parkplatz soll dort künftig den Lüneburgern Nutzen bringen. Das Konzept trägt die Handschrift des eingangs erwähnten Investors. Erst mal Platz schaffen. Erst die Menschen weg, dann die Häuser, in denen sie wohnten. An deren Stelle ein paar hässliche, hingepfuschte Neubauten aus Beton, billig verklinkert, damit es nicht so weh tut, sie zu betrachten. Straßen sind nicht zum Wohnen da, sondern zum Geld verdienen. Daran hat sich seit der Errichtung der kommerzklassizistischen Prunkbauten, in denen unsere Wohngemeinschaften derzeit noch leben dürfen, nicht geändert. Ein Stockwerk nach dem anderen wurde auf die Grundmauern der Häuser gepackt und dann noch ein weiteres. Hauptsache viel Raum für viele Mieter für viel Geld. Nun beginnen die städtebaulichen Riesentanker unter der Last ihres eigenen Gewichts langsam zu kippen. Der Untergrund ist derartigem Gewinnstreben nicht gewachsen und tut das, was auch die allermeisten Menschen tun, wenn es ums Geld geht. Er gibt nach.

Ich soll weg. Diese Überschrift stammt nicht von mir, sondern von Ellen Diederich, einer 68erin, die zu den Gründerinnen des Internationalen Frauenfriedensarchivs zählt. Für sie ist wohnen mehr, als nur ein Haufen quadratisch gezogener Steine mit Tapete darüber. Wohnen ist für sie der gelungene Versuch, der umgebenden Betonwüste ein paar Quadratmeter Grün abzutrotzen. Es ist die Linde, die seit ihrem Einzug vom schüchternen Schößling zum stolzen Baum gereift ist, das Pausengeschrei der Kinder auf dem Schulhof gegenüber und der morgendliche Plausch in der Bäckerei eine Straße weiter. Wohnen und Wohnumfeld sind zentraler Bestandteil jeder menschlichen Existenz überall auf der Welt. Adorno hat es einst so formuliert: „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt.“ Nun muss nicht nur ich, nein müssen wir alle, die wir hier in der Frommestraße leben, befürchten, dass uns genau dies bevorsteht.

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2 Antworten zu “Ich soll weg

  1. Pingback: Rangiermasse Mensch | denkbonus

  2. Menschliche Kriterien wie Ethik, Moral oder Menschenwürde kommen in der Rentabilitätsrechnung eines marktradikalen Wirtschaftssystems nicht vor. Das Phänomen, dass ganze „alte“ Stadtviertel systematisch von Immobilienhaien aufgekauft werden, um sie zu „verbessern“ und teuer an zahlungskräftigere Klientel zu verkaufen (oder zu vermieten) hat im anglo-amerikanischen Markt schon lange traurige Tradition. Seit etwa einer Dekade hält auch in Europa dieser Missstand einzug. Paradebeispiel Paris. Die alteingesessene Bevölkerung aus den unteren und mittleren Einkommensschichten werden aus der Innenstadt in die schmuddeligen Vorstädte vertrieben. In Berlin beginnt dieser Prozess nun auch. Er ist nicht auf zu halten, solange wir das jetztige destruktive System eines „Raubtierkapitalismus“ beibehalten oder tollerieren. Das heisst nicht, dass man wieder eine kommunistische Diktatur mit Planwirtschaft einführen soll, sondern vielmehr, dass eine sozial-ökologische Marktwirtschaft konstruiert und aufgebaut werden sollte, die den Menschen und seine natürliche Umwelt in den Mittelpunkt stellt; und nicht eine habgierige Finanz- und Kapitaloligarchie bedient.

    Übrigens: Glückwunsch zum Blogstart. so ein baby macht viel Arbeit und bringt auch manchmal Stress. aber auch mindestens auch doppelt soviel Spass und Erfüllung.

    beste Grüße
    René Brandstädter

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